Главная страница «Первого сентября»Главная страница журнала «Немецкий язык»Содержание №23/2008

Sonderthema

Ernst Toller: Hoppla, wir leben!

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Das Drama von Ernst Toller hatte Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen am 1. September 1927. Nach seiner fünfjährigen Festungshaft wurde Toller 1924 wieder in Freiheit gesetzt; bis 1933 konnte er noch in Deutschland bleiben, ein Zeitraum, den er, der nun zur literarischen Prominenz zählte, mit Lese- und Vortragsreisen füllte und in dem er mit Hoppla, wir leben!, das in enger Zusammenarbeit mit Erwin Piscator entstand und deutlich autobiografische Züge trägt, auch seinen größten Theatererfolg feierte.
Das Vorspiel des Erwin Piscator gewidmeten Stücks zeigt sechs Revolutionäre, die nach der gescheiterten Revolution von 1918/19 im Gefängnis ihre Hinrichtung erwarten. Einer von ihnen, Wilhelm Kilmann, hat ein Gnadengesuch eingereicht und kommt bald frei, die übrigen – Karl Thomas, Eva Berg, ein anonym bleibender Häftling und die beiden Proletarier Albert Kroll und «Mutter» Meller – müssen nach ihrer Begnadigung erst noch einige Zeit in einem Internierungslager verbringen.
Das Drama selbst setzt nach dem als Exposition fungierenden Vorspiel im Jahre 1927 ein. Karl Thomas, der 1919 während des zehntägigen Wartens auf die Hinrichtung wahnsinnig geworden war, ist nun als «klinisch geheilt» aus der Irrenanstalt entlassen. Als ersten seiner einstigen Genossen und Mithäftlinge sucht er Kilmann auf, der zu Thomas’ großer Enttäuschung inzwischen Innenminister geworden und in einem Sumpf von Korruption gefangen ist. Thomas gegenüber verteidigt er sich mit einigen Phrasen, die seinen Verrat an der Revolution bemänteln sollen. Auch Eva Berg und Albert Kroll haben sich geändert; sie arbeiten zwar streng nach den Richtlinien der Partei, sind aber in Gefahr, über der täglichen Praxis das große ideelle Ziel aus den Augen zu verlieren, sodass ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt ist.
Thomas nimmt eine Stelle als Hilfskellner im Grand Hotel an; dort wird er Zeuge von Bestechungen und Intrigen und gerät in völlige Verzweiflung über die von allen gerühmte angebliche «Normalität» der Verhältnisse. «Ich bin der Welt abhandengekommen/Die Welt ist mir abhandengekommen», flüstert er vor sich hin, als er am Ende des Mordes an Kilmann verdächtigt und festgenommen wird. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass ein nationalistisch gesinnter Student Kilmann wegen dessen «roter» Vergangenheit erschossen hat, während Thomas eine kurze Zeit plante, ihn wegen des Verrats an der Revolution zu erschießen. Schließlich finden sich – mit Ausnahme des toten Kilmann, der ein Denkmal bekommt – wieder dieselben Personen im Gefängnis wie 1919; doch bevor der wahre Täter entdeckt wird, verübt Thomas Selbstmord: «Alles umsonst?... So dreht euch weiter im Karussell, tanzt, lacht, weint, begattet euch – viel Glück! Ich springe ab... O Irrsinn der Welt!»
Tollers Stück, das der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre zuzurechnen ist, vergegenwärtigt in einer Revue von Bildern den Zustand der Weimarer Gesellschaft in der kurzen wirtschaftlichen Blütephase zwischen 1923 und 1929; auf diese Periode der scheinbaren Stabilisierung bezieht sich auch der Titel, der dem Lied von Walter Mehring entnommen wurde. Dieses Lied leitet den dritten Akt ein. Die Szenenfolge gibt einen Querschnitt durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten, vom Proletariat bis zur Aristokratie; der revolutionäre Optimismus der unmittelbaren Nachkriegszeit ist verschwunden, reduziert zu einer «romantischen Episode der Jugend», das private Arrangement mit den Verhältnissen dominiert, die alten Mächte – Kapital und Mili­tär – haben wieder die Oberhand. Dem entspricht der resignative Schluss, der bei der Vorbereitung der Aufführung immer wieder zu Diskussionen Anlass gab und als zu «defaitistisch» (E. Piscator) kritisiert wurde. Toller verstärkt die Wirkungskraft seiner zeitkritischen Reportage durch die Verwendung der von Piscator entwickelten szenischen Experimente und den Einsatz der neuen Medien Radio und Film; Radiomeldungen, filmische Zwischenspiele und -bilder vermitteln zwischen den einzelnen Schauplätzen des Stücks.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

Der Text ist entnommen aus: http://www.dhm.de